Ist getreidefreies Hundefutter wirklich besser? Vorteile, Nachteile und häufige Irrtümer

Getreidefreie Zutaten für gesunde Hundeernährung.

Kaum ein Begriff hat sich im Futterregal so durchgesetzt wie „getreidefrei“. Viele Hundehalter greifen inzwischen ganz selbstverständlich zu getreidefreiem Hundefutter – oft mit dem Gefühl, damit automatisch die bessere Wahl zu treffen. In meiner Beratung erlebe ich aber immer wieder, dass genau dieses Gefühl auf Annahmen beruht, die so nicht stimmen. Getreidefrei kann für manche Hunde tatsächlich ein wichtiger Schritt sein – für viele andere ändert es wenig, und in einigen Fällen lenkt das Label sogar vom eigentlichen Problem ab. In diesem Artikel ordne ich ein, wann getreidefreies Futter sinnvoll ist, wann nicht, und welche Irrtümer Sie kennen sollten, bevor Sie das Futter wechseln.

Was „getreidefrei“ wirklich bedeutet – und was nicht

Getreidefreies Hundefutter verzichtet auf klassische Getreidesorten wie Weizen, Mais, Gerste, Roggen, Hafer und meist auch Reis. Diese Zutaten verschwinden aber nicht ersatzlos. An ihre Stelle treten andere Kohlenhydratquellen – typischerweise Kartoffeln, Süßkartoffeln, Pastinaken oder Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen.

Das ist der erste Punkt, den viele Hundehalter unterschätzen: Getreidefrei bedeutet nicht kohlenhydratfrei. Ein Trockenfutter, das statt Weizen große Mengen Erbsen enthält, hat oft einen ähnlich hohen Kohlenhydratanteil wie ein getreidehaltiges Futter. Es wurde lediglich eine Zutat gegen eine andere getauscht.

Auch die Verwechslung mit „glutenfrei“ begegnet mir häufig. Gluten ist ein Eiweiß, das in bestimmten Getreidesorten steckt – vor allem in Weizen, Gerste und Roggen. Reis, Mais und Hirse sind dagegen Getreide, enthalten aber kein Gluten. Ein Futter kann also glutenfrei sein und trotzdem Getreide enthalten. Wenn Ihr Hund tatsächlich empfindlich auf Gluten reagiert, muss das Futter nicht zwingend komplett getreidefrei sein – es kommt darauf an, worauf genau er reagiert.

Und noch etwas: Getreidefrei sagt nichts über die Qualität eines Futters aus. Es beschreibt nur, was nicht enthalten ist – nicht, was stattdessen drin ist und wie gut die Rezeptur insgesamt zusammengestellt wurde.

Warum Getreide im Hundefutter einen schlechten Ruf hat

Der schlechte Ruf von Getreide kommt nicht aus dem Nichts. Über Jahrzehnte haben viele günstige Futtermittel Getreide als billigen Füllstoff eingesetzt – teilweise mit einem so hohen Anteil, dass Weizen oder Mais vor dem Fleisch in der Zutatenliste standen. Wenn ein Hund ein solches Futter schlecht verträgt, liegt der Verdacht nahe, dass das Getreide schuld ist. Häufiger ist es allerdings die Kombination aus minderwertigen Rohstoffen, starker Verarbeitung und einem insgesamt unausgewogenen Rezept.

Dazu kommt das Argument, der Hund stamme vom Wolf ab und sei deshalb nicht für Getreide gemacht. Das klingt einleuchtend, hält der Realität aber nicht stand. Hunde haben sich im Laufe der Domestikation an das Leben mit dem Menschen angepasst – auch bei der Verdauung. Anders als Wölfe verfügen sie über deutlich mehr Kopien eines Gens, das für die Verdauung von Stärke zuständig ist. Ein gesunder Hund kann moderat eingesetzte, gut aufgeschlossene Kohlenhydrate durchaus verwerten.

Der wahre Kern hinter der Getreide-Skepsis ist also nicht „Getreide ist Gift“, sondern: Zu viel billiges Getreide in minderwertiger Qualität ist ein Zeichen für ein schwaches Futter. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn er bedeutet, dass Sie das Problem nicht lösen, indem Sie einfach zu irgendeinem getreidefreien Produkt greifen – sondern indem Sie auf die Gesamtqualität achten.

Wann getreidefreies Hundefutter tatsächlich sinnvoll ist

Es gibt Hunde, für die getreidefreies Futter nicht nur ein Trend, sondern die richtige Entscheidung ist. Damit Sie einschätzen können, ob Ihr Hund dazugehört, hier die drei Konstellationen, in denen ich getreidefrei empfehle:

Erstens: Ihr Hund hat eine nachgewiesene Unverträglichkeit gegen eine Getreidesorte. Das ist der klarste Fall. Wenn eine Ausschlussdiät oder eine tierärztliche Abklärung ergeben hat, dass Ihr Hund beispielsweise auf Weizen reagiert, ist der Verzicht darauf keine Geschmacksfrage, sondern notwendig. Ob das Futter dann komplett getreidefrei sein muss oder nur die problematische Sorte meiden sollte, hängt vom Einzelfall ab.

Zweitens: Sie stehen am Anfang einer Ausschlussdiät bei Allergieverdacht. Wenn Ihr Hund über Wochen mit Juckreiz, wiederkehrenden Ohrenentzündungen oder Verdauungsproblemen kämpft und der Tierarzt eine Futtermittelallergie vermutet, arbeitet man mit möglichst wenigen, klar definierten Zutaten. Ein getreidefreies Futter mit nur einer Proteinquelle kann hier ein sinnvoller Baustein sein – nicht weil Getreide der wahrscheinlichste Auslöser wäre, sondern weil jede weggelassene Zutatengruppe die Suche vereinfacht.

Drittens: Ihr Hund zeigt konkrete Symptome, die sich mit getreidefreiem Futter nachweislich bessern. Manche Hunde mit empfindlicher Verdauung – Blähungen, häufiger weicher Kot, große Kotmengen – kommen mit getreidefreien Rezepturen spürbar besser zurecht. Wenn Sie diesen Effekt nach einer sauberen Umstellung über mehrere Wochen beobachten, ist das ein valides Argument.

Ein ehrlicher Hinweis gehört an diese Stelle: Echte Getreideallergien sind bei Hunden deutlich seltener, als die Regalmeter an getreidefreiem Futter vermuten lassen. Futtermittelallergien insgesamt betreffen nur einen kleinen Teil aller Hunde – und wenn ein Hund allergisch reagiert, sind die häufigsten Auslöser tierische Proteine wie Rind, Huhn oder Milchprodukte, nicht das Getreide. Wer bei Juckreiz reflexartig auf getreidefrei umstellt, sucht also oft an der falschen Stelle. Bei anhaltenden Symptomen führt der Weg immer zuerst zum Tierarzt, nicht ins Futterregal.

Wann getreidefrei keinen Vorteil bringt – und worauf es stattdessen ankommt

Jetzt zur größten Gruppe: dem gesunden Hund ohne Symptome. Glänzendes Fell, normale Verdauung, gutes Energielevel, kein Juckreiz. Wenn das Ihr Hund ist und er sein aktuelles Futter gut verträgt, gibt es keinen fachlichen Grund, allein wegen des Getreides zu wechseln. Ein hochwertiges Futter mit einem moderaten Anteil gut verdaulicher Kohlenhydrate ist einem mittelmäßigen getreidefreien Futter klar überlegen.

Worauf sollten Sie stattdessen schauen? Auf die Dinge, die tatsächlich über die Qualität entscheiden. Ein praktisches Beispiel: Nehmen Sie zwei Dosen in die Hand. Auf der einen steht „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (4% Rind), Getreide, pflanzliche Nebenerzeugnisse“. Auf der anderen steht „Rindfleisch 15%, Rinderlunge 12%, Rinderherz 3%, Kartoffeln 3%“ – jede Zutat einzeln mit Prozentangabe. Die zweite Deklaration ist offen, die erste verschleiert. Und dieser Unterschied sagt mehr über das Futter aus als die Frage, ob irgendwo Getreide enthalten ist.

Konkret heißt das: Achten Sie auf einen klar benannten, hohen Fleischanteil, auf eine offene Deklaration mit Prozentangaben, auf die Art der Verarbeitung und darauf, dass Kohlenhydrate – ob Getreide oder Kartoffel – eine Nebenrolle spielen und nicht die Basis des Futters bilden. Ein Futter, das diese Kriterien erfüllt und eine kleine Menge Haferflocken oder Reis enthält, ist für die allermeisten Hunde völlig unproblematisch.

Die drei häufigsten Irrtümer über getreidefreies Hundefutter

Irrtum 1: „Getreidefrei heißt wenig Kohlenhydrate.“ Wie oben beschrieben, ersetzen viele Hersteller Getreide schlicht durch andere Stärkequellen. Gerade bei getreidefreiem Trockenfutter sind Erbsen, Linsen oder Kartoffelstärke oft in erheblichen Mengen enthalten – schon deshalb, weil sich Trockenfutter ohne Stärke technisch kaum in Form pressen lässt. Wer den Kohlenhydratanteil wirklich reduzieren möchte, muss auf die Gesamtrezeptur schauen, nicht auf das Label.

Irrtum 2: „Getreidefrei ist automatisch hochwertig.“ Getreidefrei ist zunächst einmal ein Verkaufsargument, für das Hersteller gern einen Aufpreis nehmen. Es gibt hervorragende getreidefreie Futter – und es gibt getreidefreie Futter, in denen billige Hülsenfrüchte den Platz einnehmen, den vorher billiger Weizen hatte. An der Qualität hat sich dann nichts geändert, nur am Etikett und am Preis. Beurteilen Sie ein Futter nie an einem einzelnen Schlagwort, sondern immer an der vollständigen Zutatenliste.

Irrtum 3: „Getreide macht Hunde krank.“ Diese Pauschalaussage hält sich hartnäckig, ist aber durch nichts gedeckt. Die große Mehrheit der Hunde verträgt moderat eingesetztes, hochwertiges Getreide ohne Probleme. Wenn Ihr Hund Symptome zeigt, ist Getreide ein möglicher Kandidat unter mehreren – und statistisch nicht einmal der wahrscheinlichste. Wer ohne Abklärung dauerhaft am Futter herumexperimentiert, verliert Zeit, in der das eigentliche Problem unbehandelt bleibt.

Die DCM-Diskussion: Was hinter der Warnung vor getreidefreiem Futter steckt

Vielleicht sind Sie bei Ihrer Recherche auf Warnungen gestoßen, getreidefreies Futter könne Herzerkrankungen auslösen. Hintergrund ist eine Untersuchung der US-Lebensmittelbehörde FDA, die seit 2018 einem möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten Futtermitteln und der dilatativen Kardiomyopathie (DCM) nachgeht – einer Herzerkrankung, bei der sich der Herzmuskel krankhaft vergrößert.

Wichtig ist hier eine sachliche Einordnung, denn das Thema wird oft entweder dramatisiert oder komplett verschwiegen. Im Verdacht steht nicht „getreidefrei“ als Konzept, sondern vor allem Trockenfutter, bei dem Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen einen sehr großen Teil der Rezeptur ausmachen. Diskutiert wird unter anderem, ob solche Rezepturen die Versorgung mit Taurin beeinträchtigen können – einer Aminosäure, die für die Herzfunktion wichtig ist. Ein abschließender wissenschaftlicher Beleg für einen direkten Zusammenhang existiert bislang nicht; die FDA selbst konnte keinen definitiven Kausalzusammenhang bestätigen, und neuere Auswertungen relativieren die ursprüngliche Sorge teilweise.

Was bedeutet das für Sie in der Praxis? Kein Grund zur Panik – aber ein Grund, genauer hinzuschauen. Wenn in einem getreidefreien Trockenfutter Erbsen, Erbsenprotein und Linsen weit vorn in der Zutatenliste stehen, ist das ein Hinweis darauf, dass Hülsenfrüchte die Rezeptur tragen. Gehört Ihr Hund zu einer Rasse mit bekannter DCM-Neigung – etwa Dobermann, Boxer oder Golden Retriever – besprechen Sie eine geplante Umstellung auf ein stark hülsenfruchtlastiges Futter am besten vorher mit Ihrem Tierarzt. Bei Nassfutter oder Frischfutter, das primär auf Fleisch basiert und Kohlenhydrate nur in kleinen Mengen enthält, stellt sich diese Frage in der Regel gar nicht erst.

So finden Sie heraus, ob Ihr Hund von getreidefreiem Futter profitiert

Am Ende lässt sich die Ausgangsfrage klar beantworten: Getreidefreies Hundefutter ist weder grundsätzlich besser noch schlechter – es ist ein Werkzeug für bestimmte Situationen. Zeigt Ihr Hund eine nachgewiesene Getreideunverträglichkeit oder steht eine Ausschlussdiät an, ist getreidefrei die richtige Wahl. Hat er wiederkehrende Verdauungs- oder Hautprobleme ohne klare Ursache, gehört das Getreide auf die Liste der Verdächtigen – aber nicht an die erste Stelle, und die Abklärung gehört in tierärztliche Hände. Ist Ihr Hund gesund und verträgt sein Futter gut, entscheidet nicht das Label „getreidefrei“ über die Qualität, sondern der Fleischanteil, die Offenheit der Deklaration und die Gesamtrezeptur.

Wenn Sie unsicher sind, ob Getreide im Futter für Ihren Hund ein Problem ist – oder ob die Ursache seiner Beschwerden ganz woanders liegt – schauen wir uns das gerne gemeinsam in einer kostenlosen Futterberatung an.

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